Von Franzosen und dem Ende eines Traumes
Das grösste Industriezentrum der Alten Welt oder Glücksritter und Verlierer
Die wirtschaftliche Lage der Ramsbecker Gruben war zu Beginn der 50-er Jahre des letzten Jahrhunderts schlecht. Deshalb war der Rheinisch-Westfälische-Bergwerksverein im Juni 1853 froh, mit der Stolberger Gesellschaft einen Käufer für die Gruben gefunden zu haben. Präsident der neuen Eigentümer war Andreas Köchlin, der Generaldirektor war ein Henry Marquis de Sassenay. Erstaunlich war der Kaufpreis, betrug er doch das 10-fache dessen, was drei Jahre zuvor der Rheinisch-Westfälischen Bergwerksverein an die Gewerke und Cosack gezahlt hatte.
Und nun begann ein kometenhafter, beispielloser Aufstieg des Ramsbecker Reviers. Denn mit der Übernahme der Ramsbecker Gruben verfolgte Marquis de Sassenay das Ziel, in Ramsbeck das größte Industriezentrum Europas zu schaffen. Er wollte eine jährliche Produktion von 15.000 Tonnen Blei und 22.000 Tonnen Zink erreichen, um den Metallmarkt in Europa zu beherrschen. Hierzu waren rd. 2000 bis 3000 Bergleute erforderlich.
Die Investitionen, die getätigt wurden, waren enorm. So sollten 25 Pochwerke zur Aufbereitung der Erze errichtet werden, von denen 1854 alleine 15 bereits in Bau genommen wurden. Zwei Hütten für 30.000 t Bleierz waren geplant.
Allerdings vergaß man, die erforderlichen Grundlagen für diese Entwicklung zu schaffen. So fehlte eine auch nur annähernde brauchbare Kostenkalkulation. Die Frage, ob die Stollberger Gesellschaft überhaupt in der Lage war, die benötigten Geldmittel aufzubringen, wurde erst gar nicht gestellt. Es wurde einfach drauf losgebaut ohne zu untersuchen, ob die förderbaren Erzmengen ausreichten, die Aufbereitungs- und Hüttenanlagen auszulasten. Dies galt z.B. auch für die im benachbarten Ostwig im Bau befindliche Schmelzhütte, deren Kosten sich auf 900.000 Taler beliefen.
Der Marquis verstand es immer wieder, Geldgeber für seine überdimensionierten Ziele zu gewinnen. Um seine Geldgeber von der Rentabilität der Unternehmungen zu überzeugen, scheute er auch nicht vor Betrügereien wie dem Silberblick zurück .
Die zur Errichtung der Anlagen benötigten Arbeiter, Handwerker und Fuhrleute wurden aus allen Teilen des Landes zu Tausenden angeworben. Für den Transport der Materialien standen bis zu 300 Pferde zur Verfügung, die pro Vierteljahr Kosten in Höhe von rd. 50.000 Taler verursachten.
Die Bergleute versuchte man im Harz anzuwerben; und man hatte Erfolg. In einem riesigen Treck zogen rund 1.000 Bergleute aus St. Andreasberg im Harz in das Ramsbecker Revier. Zur Unterbringung der Bergleute wurden die Kolonien Neu-Andreasberg, Heinrichsdorf und Alexander gegründet oder vielmehr aus dem Boden gestampft.
Die Entwicklung im Ramsbecker Revier erfolgten wie im Rausch, ja Zeitzeugen verglichen die Entwicklung sogar mit dem Goldrausch in Kalifornien. Andere wiederum, wie der Heimatdichter Friederich Wilhelm Grimme, waren weniger euphorisch.
Doch es kam, wie es kommen musste. Das Erzförderaufkommen im Bastenberg sowie im Dörnberg war zu gering, die erstellten Anlagen auszulasten und den für diese Unternehmen erforderlichen Gewinn zu erzielen. Man hatte schlicht die Ergiebigkeit der Ramsbecker Grubenüberschätzt. Das gigantische Unternehmen brach am 29.03.1855 zusammen. Marquis de Sassenay, der Initiator dieses gesamten Unternehmens, verschwand am 07.April 1855 auf nimmer Wiedersehen und hinterließ einen für damalige Zeit riesigen Schuldenberg in Höhe von 3.500.000 Talern.
Tausende Bergleute und Arbeiter verloren ihre Arbeit und standen vor dem Ruin.
Und die neue Leitung des Unternehmens hatte alle Hände voll zu tun, mit einem Neubeginn in kleinen Schritten den Ramsbecker Bergbau wieder zu konsolidieren.