Kalifornien des Sauerlandes - unter diesem Stichwort ist die Zeitspanne zwischen 1853 und 1855 auch in die Geschichte eingegangen. Und tatsächlich war damals eine Art Goldgräberstimmung zu spüren. Ein Bericht im "Siegener Intelligenz-Blatt" vom 28.01.1855 vermittelt anschaulich die Situation in Ramsbeck
"Ramsbeck? Was ist Ramsbeck? Wo liegt Ramsbeck? - so fragt der neugierige Leser, und es ist mir eine wahre Genugtuung, neun Zehntel meiner Leser in derselben Verlegenheit zu wissen, in der ich tagelang geschwebt. Ich fuhr auf meiner Reise in die Heimat auf der westfälischen Eisenbahn. Man sprach im Waggon von den teuren Kartoffelpreisen, von Aufkäufen und Wucherern. "Aber", sagte ein mastiger Pachter, "was Wucherer und Aufkäufer! Die Kartoffeln müssen ja teuer sein; denn sie gehen alle nach Ramsbeck!" In Lippstadt befrachtete man eine ganze Reihe von Kohlenwagen. "Wohin gehen die Kohlen?" fragte ich. "Nach Ramsbeck!" lautete die zuversichtliche Antwort. Ein Extrazug lud 600 Arbeiter mit ihren Familien aus, die das Bergmannszeichen trugen und Harzer Dialekt sprachen. "Wohin gehen die Arbeiter?" "Nach Ramsbeck!" lautete die immer wiederkehrende Antwort.
Was mag Ramsbeck sein, wo man so viele Kohlen, so viele Kartoffeln und so viele Arbeiter braucht? Ich schämte mich, von diesem Zentralpunkt des Verkehrs nichts zu wissen. Ich durchsuchte zu Hause die geographischen Handbücher, ich studierte die Landkarte - ich entdeckte nichts von Ramsbeck.
Endlich fand ich in der Westfälischen Zeitung" eine Submission ausgeschrieben auf Lieferung des Bedarfs an Verpflegungs- und Wirtschaftsgegenständen für das Etablissement Actiengesellschaft für Bergbau, Blei und Zinkfabriken zu Stolberg und in Westfalen - in Ramsbeck bei Meschede- bestehend in 30.000 Ztr. Roggenstroh, 23.000 Ztr. Heu, 18.000 Scheffel Roggen, 5.000 Ztr. Roggenmehl, 500 Ztr. Weizenmehl, 68.200 Scheffel Hafer, 15.000 Scheffel Kartoffeln, 100 Ztr. feine Gerstengraupen, 2.000 Scheffel Erbsen, 300 Ztr. weiße Bohnen, 300 Scheffel Linsen".
Diese Lieferungen, hinreichend, um die Winterquartiere einer ganzen Armee zu versorgen, sollten also wieder nach - Ramsbeck gehen. Nun ließ es mir keine Ruhe mehr; ich fragte, was denn eigentlich das wunderbare Ramsbeck wäre. "Man baut dort eine Stadt!" war die Antwort, "aber", so setzte man kopfschüttelnd hinzu, "es ist alles Schwindel". Den Schwindel muß ich sehen, dachte ich, und damit war mein Reiseentschluß gefaßt.
Der Weg führte mich etwa anderthalb Meilen an den Uferabhängen der Ruhr entlang; und von der Höhe des Brotkarrens sah ich in aller Bequemlichkeit durch die untere in Folge des Regens aufgehellte Luftschicht auf die Fabrik-Etablissements herab, welche sich an den Ufern der Ruhr angesiedelt haben. Die Chaussee war so angelegt, daß wir oben in die Fabrikschornsteine hineinblickten.
Mein Wagenlenker wurde nicht müde, mir von den mancherlei Unglücksfällen zu erzählen, die auf unserer Gebirgsstraße seit Menschengedenken vorgekommen waren; jeder Abhang, den wir passierten, war durch irgend einen Genick- oder Beinbruch bezeichnet. Obgleich er mich recht gut zu unterhalten und seiner Geschicklichkeit die gehörige Folie zu geben gedachte, so wurde mir doch immer bedenklicher zu Mute, und als er endlich gar auf unsere beiden Gäule und den einen derselben als ein hitziges Tier bezeichnete, welches seit einigen Wochen unter seiner Obhut, gekühlt' wurde, da überlief es mich eiskalt; denn wie leicht konnte ich bestimmt sein, die Merkwürdigkeiten dieser Straße und den Schatz der Fuhrmannserzählungen zu bereichern!
Nach einstündiger Fahrt bogen wir rechts in ein Seitental der Ruhr und fanden uns bald in einer engen Waldschlucht, so man keine menschlichen Wohnungen, sondern nur noch einige verlassene Kohlenmeiler und Kalköfen bemerkte. Aber mitten durch die Waldeinsamkeit zog sich ein Faden des rührigsten Lebens - die Straße nach Ramsbeck. Frachtwagen drängten sich an Frachtwagen, ein Gespann noch prächtiger als das andere. Elefantenartige Brabanter Gäule, mächtige, sicherwandelnde Zugochsen keuchten vor den mit Kohlen, Holz, Ziegeln und Lebensmitteln beladenen Frachtwagen, denen man an der frischen Holzfarbe die Neuheit noch ansah.
Der Lärm der Fuhrleute, das Knarren der Wagen, das Rasseln der Räder auf der neuchaussierten Straße, die rastlose Bewegung in dem unabsehbaren Wagenzuge stach grell ab gegen den einsamen Hochwald, dessen bemooste Buchen ernst ihre Häupter schüttelten, als ob sie die Revolution der Neuzeit, welche in ihr Reich einbricht, nicht begreifen könnten. Das reiche gewerbliche Leben sendet eine neue Pulsader in ein einsames Waldtal, um es mitten aus der Romantik verlassener Burgruinen an das Herz des modernen Verkehrs heranzuziehen.
Endlich öffnete sich das Tal, der Wald trat zurück und um einen Hügel biegend erblickte ich ein luftschloßähnliches Gebäude, welches mit vier flachen Giebeln von dem luftigen Abhange herüberschaute. Es war das Hospital, welches für die Arbeiter des Etablissements auf der Höhe, wo eine gesunde Luft weht, erbaut wurde. Aus dem sich öffnenden Tal glänzte mir ein Fabrikgebäude, umgeben von freundlichen Arbeiterwohnungen entgegen - es war ein Pochwerk, welches von dem wasserreichen Bache des Tales getrieben wurde.
Weiterhin nahm uns das alte Kirchdorf Ramsbeck auf, dessen Häuser, so freundlich sie an sich sein mögen, trübselig gegen die neuen Gebäude am Eingang des Tales abstehen. Vor der Dorfschenke hielt die Brotpost. Das kleine naive Gebäude, umdrängt von dem riesenhaftesten Verkehr, für welchen seine bescheidenen Räumlichkeiten nicht berechnet waren, sah aus wie ein Anachronismus; und es ist auch nur ein Provisorium; denn nachdem die Einwohnerschaft des engen Tales im Laufe eines Sommers von einigen Hunderten zu einigen Tausenden angeschwollen ist, wird neben der Blei- und Zinkindustrie auch die Wirtshausindustrie aufblühen.
Nachdem ich das Dorf im Rücken hatte, trat ich in den eigentlichen Zentralpunkt des industriellen Lebens. In dem schmalen, lang gedehnten Tale drängte sich in der Ausdehnung von fast einer halben Stunde ein Etablissement an das andere - eine stolze Reihe imposanter Gebäude, die teils unter der Hand des Maurers und Zimmermanns emporwuchsen, teils vollendet schon die flüssigen Erze zischend in die Form schießen sehen.
Dicht neben den Grundmauern einer Schmelzhütte, die sich eben aus dem Erdboden erhoben, kochte in der vollendeten Hütte das flüssige Blei, und während der Lauf des Flusses zum Betriebe des einen Pochwerkes erst abgedämmt wurde, trieb derselbe in dem Anderen bereits die fertigen Walzen und Hämmer.
Unter den kolossalen Fabrikgebäuden, von denen jedes fast die ganze Breite des Tales ausfüllte, lagen die einfachen Arbeiterwohnungen zerstreut, und auf alle blickte die schloßähnliche Direktorialwohnung freundlich herab. Zwischen allen diesen Gebäudemassen entfaltete sich ein rühriges Leben und Treiben.
Tausende von Arbeitern waren beschäftigt, teils die riesigen Pläne auszuführen, teils in den bereits fertigen Anstalten die Erze zu läutern und zu schmelzen, die Maschinen zu bauen und die Eisenmaterialien zu gießen. Bauarbeiter, Weggebrachter, Hüttenarbeiter entfalteten ein lebendiges Gewimmel. Da wurde gekarrt, gehämmert, gezimmert, geglüht, geschlemmt, gerammt, gesprengt, und über dem rastlosen Ameisentreiben hing der belebte Abhang des erzreichen Bastenberges, des Schöpfers all dieses Lebens.
Die Blei- und Zinkgruben, welche dieses Leben erzeugt haben, sind schon uralt. Die Venezianer sollen sie entdeckt haben. Aber in den Händen kapitalarmer Besitzer wurden sie nur schwach ausgebeutet und noch vor einigen Jahren für kaum 200.000 Taler verkauft. Da bemächtigte sich gegen Anfang des vorigen Jahres eine französische Aktiengesellschaft mit einem Grundkapital von 4 Millionen Talern, des Betriebs und begann ihn, mit dem den Franzosen eigentümlichen Organisationstalent, im großartigsten Maßstäbe auszubeuten.
An der Spitze der Gesellschaft steht der Marquis de Sassenay, ein industrielles Genie, der sich auch als Unternehmer der spanischen Eisenbahnen in der industriellen Weit einen Namen verschafft hat. Man förderte das Unternehmen mit wunderbarer Energie: Man erließ Aufrufe an die Arbeiter entfernter Gegenden, man scheute keine Kosten, um die Unternehmer zur raschen Ausführung der Werke zu veranlassen und in den Stand zu setzen.
Das Zauberwort Gewinn' rief die Menschen von weit und breit, von Sachsen, vom Harz, vom Rhein, nach dem menschenleeren Tal zusammen. Ramsbeck wurde zum neuen Eldorado für Unternehmer und Arbeiter. Tausende bevölkern ein Dorf, das seine Einwohner früher nach Hunderten zählte; auf der Höhe eines Berges - Andreasberg -wächst Haus um Haus, städtisch geordnet, empor, wo noch vor wenigen Monaten der wilde Wald den Boden beschattete, und in wenigen Jahren wird vielleicht eine Stadt von mehreren Tausend Einwohnern fertig sein.
Die gewaltigsten Hütten- und Fabrikanlagen sind, wie ein Feenzauber aus den Wiesen aufgewachsen. Man drehte, hämmerte und goß Maschinenbestandteile am 16. Oktober in einem Fabrikgebäude, zu weichem am 1. Juli der Grundstein gelegt wurde.
Diese wunderbare kalifornische Entwicklung wird zwar unterstützt durch die Nähe der Verkehrsstraßen und durch den Reichtum der Natur. Man bricht die Bausteine, und an den meisten Plätzen auch den Kalk, an Ort und Stelle, und ein Kalkofen neuester Konstruktion liefert täglich 300 Malter fertigen Kalk. Die hauptsächlichsten schöpferischen Motive aber waren das angesammelte Kapital und der kühne Unternehmungsgeist.
Die im Laufe eines Sommers zusammengerufene massenhafte Bevölkerung, die Tag und Nacht bei der Herstellung der Anlagen emsig beschäftigt ist, hat natürlich weder Zeit noch Gelegenheit, selbst für ihre Lebensbedürfnisse zu sorgen. Der Handel hat dem industriellen Unternehmungsgeiste nicht so rasch nachkommen können,
Die Gesellschaft hat daher nicht nur den Arbeitern ihre Wohnungen bauen, sondern auch für Werkzeuge, Hausrat, Lebensmittel sorgen müssen. In ungeheuren Magazinen liegen Vorräte aller Art, Betten, Hausuhren, Töpfe, Ofen, Geschirr, Korn, Kaffee etc. aufgespeichert, und für den langen Winter sorgte die kolossale Submission, die mich zuvor so sehr in Erstaunen setzte ... Aber in Konkurrenz mit der Gesellschaft beginnt auch schon der Handel seine Etablissements in dem neuen Eldorado zu errichten. Die Handelshäuser naher und entfernter Städte errichten Filialgeschäfte an Ort und Stelle, und in nicht gar langer Zeit wird ein städtisches Leben mit einer neuen, aus allen Teilen des nördlichen Deutschlands gemischten Bevölkerung, dort erwachsen sein ...
Wir haben im Vorstehenden die Skizze eines industriellen Aufschwunges gegeben, der in der bisher zurückgebliebenen Hälfte der Provinz Westfalen keineswegs vereinzelt dasteht. Das Land der roten Erde', bisher der Sitz konservativer Romantik, das in den ergrauten Mauern seiner Städte mittelalterliches Bürgertum, in den einsamen Höfen seiner Bauern naturwüchsiges Bauerntum zu konservieren schien, ist durch die Eisenbahnen der modernen Entwicklung eröffnet, und im gegenwärtigen Augenblicke in einem rapiden Umschwunge begriffen.
Noch kämpfen die starren Reste des konservativen Sinnes gegen den in die unbedeutenden Städte und in die verlassensten Täler eindringenden Industrialismus an ... Aber es ist kein Halt mehr, die starren Reste krachen überall zusammen, die aristokratischen Geschlechter der Städte verlieren ihren Vorrang und neu erwachsene Brennpunkte des wirtschaftlichen Lebens stellen aller Orten den Mondscheinglanz der Sitze alter Romantik in Schatten. Durch einwanderndes Kapital und einwandernde Arbeiterbevölkerung regeneriert sich die zurückgebliebene Hälfte der Provinz, und in wenigen Jahren wird Westfalen obenan stehen unter den Gebieten der entwickelsten Industrie in Deutschland."